Medizinische Multiple-Choice-Prüfungen

Medizinische Multiple-Choice-Prüfungen: Eliminierung von Fragen, Nachteilsausgleich, relative und individuelle Bestehensgrenze

Prüfungskandidatinnen und -kandidaten der medizinischen Prüfungen kennen das Problem, wenn es darum geht, dass die Bestehensgrenze von 60 % richtiger Antworten (absolute Bestehensgrenze) gerade knapp verfehlt wurde. Oft hat sich sogar die faktische Anzahl der notwendigen richtigen Antworten nachträglich verringert, weil die Prüfungsbehörde bei den Staatsprüfungen bzw. das für die Entwicklung der Aufgaben zuständige IMPP, oder die Hochschule nach dem Prüfungstermin festgestellt hatte, dass einige Fragen bzw. Antworten missverständlich oder ungeeignet waren, oder dass statt einer mehrere Antworten richtig gewesen wären.

Und trotzdem reicht es nicht für das Bestehen? Rechtsanwalt Joachim Drinhaus erläutert, dass die Eliminierung solcher Fragen aus der Prüfung nicht gleich bedeutend ist mit der Chance, in gleicher Anzahl, bzw. im Verhältnis von 60 %, weniger richtige Antworten für ein Bestehen zu benötigen. Umgekehrt: Es wäre auch unfair, würden richtig beantwortete Fragen gar nicht zählen, weil sie eliminiert wurden.

Das Bundesverwaltungsgericht hatte schon in einer Entscheidung vom 17.05.1995 darauf hingewiesen, dass hierfür ein sog. „Nachteilsausgleich“ erforderlich sei, der das Verhältnis der individuellen Leistung zur neuen Bestehensgrenze berücksichtigt.

Eine weitere Fragestellung um das Bestehen rankt sich um die Regelung der Ärztlichen Approbationsordnung, die - wie auch manche Hochschulprüfungsordnung - schließlich vorgibt, dass eine medizinische Prüfung nicht nur bestanden ist, wenn mindestens 60 % aller Prüfungsfragen zutreffend beantwortet wurden, sondern auch wenn die vom Prüfling zutreffend beantworteten Fragen um nicht mehr als 22 % die durchschnittlichen Prüfungsleistungen unterschreiten (relative Bestehensgrenze). Dieser Durchschnitt wird aus einer definierten Referenzgruppe gebildet. Hier fällt -insbesondere bei Hochschulprüfungen - auf, so Rechtsanwalt Drinhaus, dass die Referenzgruppe nicht in jedem Fall ersichtlich oder fehlerhaft berechnet sein könnte. Darüber hinaus verlangen viele Hochschulprüfungsordnungen, dass die individuelle Gesamtleistung auch nach dieser Regelung nicht geringer als 50 % der erreichbaren Punkte sein darf. Es gibt im Hochschulbereich sogar noch kompliziertere Regelungen. Es würde den Platz für unseren Hinweis allerdings sprengen, diese alle zu beschreiben.

Letztlich geht es um Statistik und Mathematik. Die relative Bestehensgrenze (22 %-Regelung) und der eingangs erwähnte Nachteilsausgleich bei der Eliminierung von Fragen liegen meist in Kombination vor, wenn die individuelle Bestehensgrenzeerrechnet werden muss. Hinweise finden sich durchaus in Fachliteratur und auch in Veröffentlichungen des erwähnten Instituts IMPP. Gleichwohl sind diese Hinweise meist so ausgestaltet, dass sich eine komplette Berechnung im Sinne einer mathematischen Formel, die auf die Situation jedes der betroffenen Prüfungskandidatinnen und -kandidaten anwendbar wäre, nicht erschließt.

Geht es also darum, die Ergebnismitteilungen der Prüfungsbehörde oder der Hochschule auf diese Besonderheiten zu überprüfen, so bedarf es einer Kombination der rechtlichen Erfassung maßgeblicher Vorschriften und der konkreten, individuellen Berechnung. Nur dann kann qualifiziert festgestellt werden, ob eine solche Prüfung wirklich nicht bestanden sein sollte. Wir können Betroffene hierzu beraten und ihre Ergebnisse einer solchen Kontrollberechnung unterziehen.