Medizinstudierendenauswahl in Deutschland

Medizinstudierendenauswahl in Deutschland - Messung kognitiver Fähigkeiten und psychosozialer Kompetenzen – Vorschlag einer Neuregelung der Auswahl

Unter dieser Überschrift haben die Autoren – Mitglieder der Arbeitsgruppe Auswahlverfahren an der Universität Hamburg und Frau Prof. Martina Kadmon, die sich früher in Heidelberg ausführlich der Untersuchung von Auswahlverfahren befasst hat und auch vom Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in der mündlichen Verhandlung als Gutachterin angehört wurde, mit kurz nach der Entscheidung des BVerfG vom 19.12.2017 zum Auswahlsystem für Medizinstudienbewerber im Bundesgesundheitsblatt 2018 eine Untersuchung veröffentlicht.

In diesem Beitrag geben sie eine Übersicht über die bisher in Deutschland eingesetzten Auswahlverfahren und beurteilen ihre Qualität unter Berücksichtigung des aktuellen Standes der internationalen Forschung. Im zweiten Teil berichten die Autoren über ein fakultätsübergreifendes Projekt zur Entwicklung eines Situational Judgement Tests (SJT), der mit vertretbarem Aufwand zur Messung psychosozialer Kompetenzen bei großen Bewerberzahlen eingesetzt werden könnte.

Zusammenfassend kommen die Autoren zu folgendem Ergebnis: 

Untersuchungen zeigen, dass die Abiturnote der beste Prädiktor von Studienleistungen ist. Die Auswahl der Bewerberinnen nach Abiturnote gerät jedoch verstärkt in die Diskussion, da die Vergleichbarkeit der Abiturnoten infrage steht und die Bewerberzahl mit Bestnote stark anwächst. Fähigkeits- und Kenntnistests können inkrementell zur Abiturnote die Vorhersage der Studienleistungen verbessern, wobei insbesondere die naturwissenschaftlichen Anteile bedeutsam sind. Die Messung psychosozialer Kompetenzen in klassischen Interviews ist wenig reliabel und valide. Die reliableren Multiple Mini-Interviews können vor allem praktische Studienergebnisse besser Vorhersagen. Im Ausland eingesetzte Situational Judgement Tests (SJTs) werden als reliabel und valide eingeschätzt, die Korrelation eines in Hamburg pilotierten deutschen SJT mit dem Multiple Mini- Interview stimmt vorsichtig positiv“.

Der Artikel endet mit einem Vorschlag, wie der zukünftige Zulassungsweg eines potenziellen Medizinstudierenden unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aussehen könnte und der deutliche Sympathien mit einem hier bereits früher berichteten Vorschlag des Medizinischen Fakultätentags und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland erkennen lässt, nach dem die Wartezeit- und die Abiturbestenquote abgeschafft werden sollen.

Nach diesem Entwurf können die Bewerberinnen in unterschiedlichen Kategorien Punkte sammeln:

-              maximal 40 Punkte für die Abiturnote, 

-              bis zu 40 Punkte für einen Test kognitiver Fähigkeiten (vorgeschlagen wird eine Kombination des TMS und des HAM-Nat), 

-              10 Punkte für eine einjährige berufspraktische Erfahrung und

-              10 Punkte für einen bundeseinheitlichen SJT zur Erfassung sozialer Kompetenzen.

Da für Abiturnote und Eignungstests der Forschungsstand zur prädiktiven Validität deutlich besser ist, sollen diese mit der stärksten Gewichtung eingehen. Berufserfahrung und SJT sollen die im Masterplan Medizinstudium 2020 geforderten psychosozialen Kompetenzen abbilden, wobei der Nutzen eines SJTs auch vor dem Hintergrund der hier berichteten Ergebnisse nur vorsichtig positiv einzuschätzen ist.

Die Hälfte der Studienplätze soll direkt entsprechend der Punktesumme vergeben werden. Für die andere Hälfte der Studienplätze sollen die Fakultäten die verbleibenden Bewerberinnen wiederum aufgrund der Punktesumme zu einem ihrem Profil entsprechenden universitären Auswahlverfahren einladen können, das dann auch weitere Tests zur Ermittlung der psychosozialen und kommunikativen Kompetenzen, wie z. B. Multiple Mini-Interviews, umfassen kann.

Der Gesamtbeitrag ist eine Open-Access-Publikation und kann im Internet unterhttps://link.springer.com/article/10.1007/s00103-017-2670-2  abgerufen werden.