Inflation guter Examensnoten - Wenn eine 2,0 zu Tränen führt - Studie "Noten an Deutschlands Hochschulen"

Noten an deutschen Hochschulen werden nach einer Studie von Bildungsforschern seit Jahren besser - und damit allerdings auch nichtssagender. In dieser Studie Bildungsforscher fordern sie mehr Vergleichbarkeit. Soweit sie weiter eine Vergabe von Masterplätzen im Losverfahren verlangen, dürften sie allerdings auf den großen Widerstand der Universitäten und Wissenschaftsministerien stossen

Die Masterarbeit war ordentlich, hatte aber auch Schwächen - und so erhielt eine Berliner Sprachwissenschaftsstudentin dafür die Note 2,0. Dies war für sie aber kein Grund zur Freude, sondern der Anlass für Weltuntergangsstimmung: In zahlreichen Mails und Telefonaten versuchte sie verzweifelt, die Prüfer zu einer besseren Bewertung zu drängen.

Das sei kein Einzelfall, berichtet der Bildungsökonom an der Europa-Universität Flensburg Professor Gerd Grözinger von seinen Erfahrungen: "Studierende kommen heute mit einer anderen Erwartungshaltung. Wenn Sie eine 2,0 vergeben, sehen Sie manchmal schon ein Tränchen"…."Es gibt Fächer wie Biologie oder Psychologie, in denen die Eins die häufigste Note ist", ergänzt ein Hochschullehrer für Forschungsmethoden: "Das besagt erst mal nur, dass man zur besseren Hälfte gehört."

Immer mehr Einsen, immer weniger Durchfaller: Tatsächlich sind die Examensnoten an deutschen Hochschulen seit den 70er Jahren in vielen Fächern – wenn auch z.B. nicht in Rechtswissenschaften - immer besser geworden. Die beiden Flensburger Bildungsforscher haben diese "Noteninflation" systematisch untersucht und fordern ein Umdenken bei der Benotung: Für mehr Gerechtigkeit müsse Vergleichbarkeit her.

Für ihre genannte Studie haben die Hochschullehrer für ausgewählte Fächer mit einem Team drei Jahre lang 138.000 Prüfungsakten und rund 700.000 Examensnoten aus sieben Universitätsarchiven in der Bundesrepublik von 1960 bis 1996 ausgewertet. Hinzu kamen Gruppendiskussionen sowie rund 5,3 Millionen Daten aus der offiziellen Notenstatistik seit 1996.

Die von den Forschern nachgewiesene Inflation verläuft in Zyklen. "Es gibt Phasen, in denen Noten stagnieren und in denen sie besser werden“. In Fächern mit nationalem Arbeitsmarkt wie Lehramt oder Psychologie spiegele sich die Konjunktur: "Wenn auf dem Arbeitsmarkt Mangel herrscht, gibt es bessere Noten. Bei Überfüllung wird mehr selektiert." Die Bewertung in allgemeineren Fächern wie Biologie oder Germanistik hänge dagegen oft mit der Zahl der Studenten zusammen: "Wenn viele studieren, wird stärker gesiebt." 

Hinzu kämen verschiedene Fächerkulturen und Unterschiede an den Universitäten. Während bei Juristen eine „ausreichend“ fast überall dem Durchschnitt entspricht und ein „voll befriedigend“ bereits für den Staatsdienst qualifiziert, gibt es in anderen Fächern je nach Uni unterschiedliche Prüfungskulturen und Bewertungen. Viele internationale Studenten würden den Schnitt dagegen oft drücken.

Noten, fordern die beiden Forscher, müssten vergleichbar sein, um Ungerechtigkeiten zu beenden. So sollte das Statistische Bundesamt regelmäßig die bundesweiten Durchschnittsnoten der Fächer veröffentlichen - als Orientierung für Arbeitgeber und wegen zunehmender Interdisziplinarität.

Auf dem Zeugnis sollte ferner eine Einordnung der Note erfolgen, verlangen die Forscher - etwa per kleinem Balkendiagramm, wie viele Einser, Zweier, Dreier, Vierer und Fünfer es in den vergangenen fünf Jahren in dem Fach an dieser Uni gegeben hat. Denn ihnen war etwa auch aufgefallen, dass Fachhochschulen bessere BA-Noten vergeben. "Und zwar nicht, weil sie die besseren Studierenden haben", sagt Grözinger.

Als einen Grund für die Inflation der guten Noten vermuten die Forscher, dass Professoren häufig nach ihren Absolventen beurteilt werden. Auch Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, warnt davor, gute Noten mit guter Lehre zu assoziieren. Dozenten könnten Druck verspüren, gute Noten zu vergeben. Er plädiert dafür, "die bisherige Notenskala durch drei Kategorien zu ersetzen: exzellent - bestanden - durchgefallen. Mehr brauchen wir eigentlich nicht." 

Masterplätze per Los vergeben?

Im Wissen, dass Noten oft wenig vergleichbar sind, plädieren die beiden Flensburger Forscher dafür, etwa bei der Vergabe von Masterplätzen stärker auf Losverfahren zu setzen - denn Gerechtigkeit gebe es auf Basis der Bewertungen sowieso nicht. Damit wenden sie sich gegen die bestehenden Zugangsregelungen, die eine Zugangssperre nach Noten (wie z.B. 2,5) erlauben.

Auch den Gerichten sind die unterschiedlichen Notenvergaben bekannt. So hat das OVG Münster kürzlich noch einmal die Regelung bestätigt, dass für den Zugang zum Masterstudium dem durch das Bachelorzeugnis ausgewiesenen Grad der Qualifikation maßgeblicher Einfluss zukommen muss und hat am Schluss ausgeführt:

„Dass damit eine Benachteiligung von Absolventen von Universitäten mit höherem Leistungsniveau einhergehen kann, ist grundsätzlich hinzunehmen. Unterschiedliche Bewertungs- und Qualifikationsniveaus sind unvermeidliche Folge der Vielfalt der Hochschulen und der verschiedenartigen Lehr- und Lernausrichtungen sowie Ausfluss der den Hochschulen zukommenden Lehr- und Wissenschaftsfreiheit“.